Werbeeinblendungen auf aachen.de

Soll oder darf eine Stadt oder Gemeinde ihre offizielle Homepage als Werbefläche nutzen, um dadurch zusätzliche Einnahmen für’s Stadtsäckel zu generieren? Jetzt hat das Presseamt der Stadt Aachen auf unsere Ratsanfrage geantwortet.

Warum diese Anfrage?

Die Webseite der Stadt ist nach wie vor eine wichtige Informationsquelle, wenn es um Kommunalpolitik geht. Es ist zwar nicht immer einfach, dort aktuelle Zahlen, Daten und Fakten über laufende Verwaltungsprojekte zu recherchieren, aber es geht. Leidlich.

Bei den Recherchen stießen wir auf teilweise sehr aufdringliche Werbeeinblendungen, die unserer Meinung nach doch eher negativ auf das Image der Stadt ausstrahlen. Interessanterweise fiel mir die Werbung extrem negativ auf, da ich an meinem Arbeitsrechner die Seiten der Stadt Aachen mit eingeschaltetem Werbeblocker absurfe. Der Laptop im Piratenbüro zeigt hingegen die ungeschönte Klicki-Bunti-Wahrheit…

www.aachen.de, 14.09.2012, Startseite

Um nun ein Gefühl für Aufwand und Nutzen der werbeeinblendungen zu bekommen, stellten wir am 01.08.2012 unsere Anfrage.

Vermarktung auf aachen.de als Einnahmequelle

Lt. Aussage bietet die Stadt Aachen bereits seit 2006 Werbeflächen auf ihrer Homepage an, und durch einen Rahmenvertrag mit einem Kooperationspartner erzielt die Stadt jährliche fixe Einnahmen in Höhe von 18.000 Euro.

Für Akquise und Vermarktung der Werbepartner sorgt komplett der Kooperationspartner (eine große Aachener Werbeagentur; immerhin verbleibt also deren Gewerbesteuer in der Region). Einzig auf die Einhaltung des von der Stadt Aachen aufgestellten Werbekodex muss die Agentur achten, für das gesamte Prozedere drumherum hat sie freie Hand. Die Stadt braucht also nur monatlich (oder jährlich) eine Rechnung zu stellen und ist sonst außen vor.

Position: In der Regel Skyscraper?

Die Verwaltung hält die aufdringlichen Werbeeinblendungen innerhalb des Contents eher für die Ausnahme, die Regel seien die Banner auf der rechten Seite (sog. Skyscraper, im Screenshot oben zu sehen).

Doch schon auf der Startseite blinken und wurschteln diese Scyscraper so pentrant, dass der gesamte Flickenteppich aus Grafiken, Navigation und Werbeinblendungen (auch im mittleren Bereich) in Bewegung zu geraten scheint. Eine seriöse Präsentation der Stadt sieht anders aus.

Die Mediendaten des derzeitigen Kooperationspartners bieten dem geneigten Kunden neben diesen Skyscrapern noch weitere Möglichkeiten:

  • Expandable Ads, die sich als Popup über den Text legen
  • Wallpapers, die den kompletten rechten Hintergrund belegen (nicht nur einen Teil wie die Skyscraper)
  • Rubriken, die im unteren Content-Bereich auftauchen
  • Meldung des Tages, die mitten in den Content-Bereich eingebunden wird
  • Marktplatzanzeigen, die als Kachel in den normalen Content-Bereich eingebunden und auch ebenso formatiert wird (zzgl. Kennzeichnung „Anzeige“).

Ich erinnere mich, dass früher (vermutlich bei einem anderen Koordinationspartner) noch ein sogeganntes Web-Peel sichtbar war. Das ist eine animierte Eselsecke oben rechts, die beim Überfahren mit dem Mauszeiger komplett aufrollt, die Anzeige darunter sichtbar macht und dabei den Inhalt der Seite teilweise verdeckt.

Das Sortiment umfasst also viele Möglichkeiten, den Besucher mehr oder weniger auffällig mit Werbung zu berieseln. Und einzig die Anzeigen-Kosten dürften interessierte Firmen davon abhalten, nicht das gesamte Arsenal zu buchen. Der Antwort auf die Ratsanfrage entnehme ich allerdings, dass genau das dem Presseamt auch recht wäre…

Zum Vergleich: Wie machen’s andere?

Schauen wir mal, wie sich Städte und Gemeinden im Internet präsentieren, die haushaltstechnisch unter Beobachtung stehen (also ein Haushaltssicherungskonzept vorlegen müssen, was für Aachen – noch – nicht der Fall ist) und entsprechend für jede Einnahme dankbar sein müssten::

  • Oberhausen: sehr reduzierte externe Werbung (z.B. für Wirtschaftsförderung, Sparkasse, örtliche Handwerksunternehmen)
  • Hagen: Kooperationspartner vermittelt einfache Logo-Banner. Derzeit übersichtlich eingesetzt.
  • Remscheid: Keine explizite Werbung, redaktionelle Hinweise auf lokale Attraktionen und Anbieter in der Region
  • Duisburg: Keine explizite Werbung, redaktionelle Hinweise auf lokale Attraktionen und Anbieter in der Region
  • Solingen: Keine explizite Werbung, redaktionelle Hinweise auf lokale Attraktionen und Anbieter in der Region
  • Wuppertal: Keine explizite Werbung, redaktionelle Hinweise auf lokale Attraktionen und Anbieter in der Region

Es scheint so zu sein, dass man nicht nach jedem Strohhalm greifen muss, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht.

Lokale Unternehmen bewerben?

Teilweise machen es die oben genannten Städte vor: Sie bewerben, wenn überhaupt, lokale Unternehmen und Organisationen, deren wirtschaftlicher Erfolg sich auf die Region auswirkt. Da diese Beiträge nicht als Anzeige gekennzeichnet sind, vermute ich mal wohlwollend, dass die Städte für diese Infos kein Geld bekommt.

Gemäß der Antwort des Presseamtes hat sich die Werbeagentur lange vergeblich um ortsansässige Unternehmen als Werbepartner bemüht. Offensichtlich fühlen sich die Aachener Unternehmen nicht wirklich angesprochen. Warum sonst sollten sie sich einer Online-Werbung auf aachen.de verschließen? In welchem Umfang die Agentur jetzt auf mögliche Interessenten zugegangen ist, lässt die Antwort der Verwaltung offen. Da würde mich tatsächlich eine Auswertung interessieren: Preis zu hoch? Kein Werbebudget (was aufhorchen ließe)? Oder einfach „Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.„?

Fazit

Ich möchte der Aachener Werbeagentur jetzt bestimmt nicht den Auftrag vermiesen, ganz im Gegenteil: 18.000 Euro sind 18.000 Euro, der Gewinn aus den Werbeeinnahmen hält Aachener Arbeitnehmer in Lohn und Brot, die Gewerbesteuer fließt ins Stadtsäckel. Alles gut also? Mitnichten!

Der Klicki-Bunti-Auftritt der Aachener Homepage ist peinlich, wenn man sich einem möglichen Übernachtungsinteressierten als seriöse Stadt präsentieren möchte. Und was bitte hat die Werbung für ein Flugvergleichsportals bei den Stellenangeboten zu suchen?

Ich würde einen Teil der 18.000 Euro einfach mal reinvestieren, um Aachen besser im Netz zu vermarkten:

  • Stärkeren Fokus auf Aachen-Devotionalien setzen. Ein einfacher PDF-Katalog reicht definitiv nicht aus!
  • Intensive Zusammenarbeit mit Urlaubs-Portalen und -Foren, öfter mal Reiseberichte schreiben (lassen) und sie dort veröffentlichen (davon steht übrigens nichts in der Stellenbeschreibung des „Sachbearbeiters im Team Internet„…)
  • Ein eigenes Jobportal mit freien Aachener Stellen eröffnen, denn zum neuen Job gehört auch, dass die Stadt sich als neuer, lebenswerter Arbeitsort präsentiert! Ansonsten gerne auch die Zusammenarbeit mit etablierten Jobportalen (siehe oben).
  • Mehr Imagefilme erstellen und die jeweilige Vorschau auf der Webseite veröffentlichen, statt irgendwelche wirbelnde Flash-Widgets zu zeigen (und: nein… ein unmotivierter Youtube-Account ist keine Lösung!)
  • Online-Werbeaktionen speziell auf lokale Unternehmen zuschneiden.
  • etc. pp.

Vieles davon dürfte im Endeffekt mehr für die Stadt bringen, als diese anstrengungslosen Werbe-Quilts.

Ein Gedanke zu „Werbeeinblendungen auf aachen.de

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