Statistik: Bildungsausgaben der Bundesländer in 2015

Das Statistische Bundesamt (Destatis) hat die Bildungsausgaben der Bundesländer in 2015 veröffentlicht. Eine Statistik, die mich ratlos zurück lässt.

Auf den ersten Blick sieht das für NRW nicht gut aus.

LandAllgemeinbildende
Schulen
Berufliche Schulen
(insgesamt)
Alle
Schularten
Bildungsausgaben je SuS und Land in 2015 (Euro)
Deutschland7 5004 7006 900
Baden-Württemberg7 3005 4006 800
Bayern8 7005 0007 800
Berlin9 7005 9008 900
Brandenburg7 2004 5006 800
Bremen7 9004 2006 800
Hamburg9 7005 3008 600
Hessen7 5005 0006 900
Mecklenburg-Vorpommern7 5004 1006 900
Niedersachsen7 4004 4006 700
Nordrhein-Westfalen6 6004 0006 000
Rheinland-Pfalz6 9004 3006 300
Saarland7 3004 2006 400
Sachsen7 4005 2007 000
Sachsen-Anhalt8 0004 7007 400
Schleswig-Holstein6 7004 5006 200
Thüringen8 7006 7008 300

Schnappatmung liegt natürlich nahe, und das werden die Medien sicher in Kürze auch wieder trefflich bedienen. Aber wartet noch einen Moment mit dem Jammern (oder je nach Land mit dem Jubeln).

Zwei Jahre alte Zahlen

Ja, Ihr lest richtig: 2015. Die Aussagekraft von zwei Jahre alten Statistikzahlen halte ich für eher homöopathisch. Ich möchte eigentlich nicht wissen, was NRW in 2015 pro SuS ausgegeben hat. Ich möchte wissen, was NRW für 2018, 2019 und 2020 pro SuS auszugeben plant.

Interessanterweise tauchen diese Zahlen nirgendwo in Haushaltsdebatten auf (oder sie gehen an mir vorbei). Stattdessen jonglieren die Ministerien immer mit abstrakten Milliardenbeträgen im Bildungshaushalt, die selbstredend „höher sind als die der Vorgängerregierung“.

Natürlich kann man nicht genau vorhersehen, wieviele SuS in 2020 die Schulen besuchen. Aber Tendenzen sollten erkennbar und erklärbar sein, zumal die Haushaltsansätze für die kommenden zwei bis drei Jahre auf eben diesen geschätzten Zahlen basieren (sollten).

Ranking: Wer ist der beste Sisyphos?

Der Impuls liegt nahe, aus der sich ergebenden Reihenfolge einen Sieger und viele Verlierer zu ermitteln. Und fortan bemühen sich alle Zweit- und schlechter Platzierten, beim nächsten Ranking besser abzuschneiden. Doch im nächsten Jahr gibt es andere „Gewinner“ und vor allem „Verlierer“, die wiederum alles daran setzen werden, beim nächsten Ranking… Ihr erkennt das Muster. Diese Art des Schwanzvergleichs wird leider seit Jahrzehnten durch diverse Akteure mit vorrangig neoliberaler Agenda in die Köpfe der Bürger (und damit auch die der politischen Entscheider) geprügelt. #hüstelPISAhüstel

Alleine schon der erste Satz der Veröffentlichung zeigt, in welche Richtung die Zahlen zu interpretieren sind:

Die adäquate Ausstattung des Bildungswesens mit Finanzressourcen ist von großer Bedeutung für das wirtschaftliche Wachstum, für die Sicherung der Humanressourcen der Volkswirtschaft sowie für den Erhalt der Chancengleichheit der Individuen.

Da bekommt man Gänsehaut auf der Gänsehaut. Immer schön, wenn man seine Prioritäten klar hat.

Bildung ist nicht dazu da, „Humanressourcen der Volkswirtschaft“ zu sichern! Und sie ist schon mal überhaupt kein Wettrennen!

Wenn man denn überhaupt irgendwelche abstrakten und schwer nachvollziehbaren Zahlen miteinander vergleichen möchte, dann lohnt eher der Vergleich zu den eigenen Ausgaben der Vorjahre.

 20052008201020112012201320142015
Bildungsausgaben je SuS und Land von 2005 bis 2015 (Euro)
Deutschland49005200600062006300650067006900
Baden-Württemberg50005400610062006300640066006800
Bayern49005600640066006800730076007800
Berlin57006300700074007500780085008900
Brandenburg47005100620065006500660067006800
Bremen49005100610063006300640065006800
Hamburg59006400710074007600800085008600
Hessen47005400650066006500670069006900
Mecklenburg-Vorpommern44004800580060006100640068006900
Niedersachsen47005000580058005900620064006700
Nordrhein-Westfalen46004700520053005500570059006000
Rheinland-Pfalz46005000560060006000610062006300
Saarland45004700560056005500570062006400
Sachsen50005600700069006700670070007000
Sachsen-Anhalt53005800720075007400740076007400
Schleswig-Holstein48004800540054005600580058006200
Thüringen57006300790080008000810083008300

DAS ist, liebes Statistisches Bundesamt und liebe Medien, wenn überhaupt eine gerüttelt aussagefähige Tabelle, die man prominent verpressemelden sollte.

Man könnte also einmal hinterfragen, ob eine Steigerung um 100-200 Euro pro Jahr und SuS genügt, um die wachsenden Ansprüche an Unterricht und Bildung bedienen zu können (Modernisierung der Infrastruktur, Inklusion, Digitalisierung, Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufs etc.).

In dieser Steigerung verstecken sich übrigens auch Dinge wie höhere Tarifabschlüsse und Inflation. Und wenn es zB. weniger Schüler und Schülerinnen gibt, die Fixkosten für Besoldung und Infrastruktur aber gleich bleiben, steigen die Ausgaben pro SuS auch. Nur mal so angemerkt. Nirgendwo ist nämlich vermerkt, wie sich die Zahlen der SuS im Vergleich zu den Ausgaben verhalten.

Deckung des Bedarfs

Natürlich könnte ich mir nichtsdestotrotz wesentlich mehr Geld pro SuS und Jahr vorstellen. Sehr viel mehr Geld. Und das wäre in der Bildung sicher nachhaltiger eingesetzt als für die Aufrüstung der Bundeswehr für Auslandseinsätze oder gegen einen dahergeredeten Feind, für die Stütze missgewirtschafteter Billigfluglinien oder bescheißender Autobauer oder für den Unterhalt einer Flughafenneubauruine.

Es stellt sich aber doch eigentlich die Frage: Decken die Investitionen in Bildung pro SuS und Jahr den Bedarf? Und was wäre der Bedarf überhaupt? Schaue ich mir unsere diversen Bildungsbaustellen an (die dazu in den vergangenen zwei Jahren nicht weniger geworden sind): Nein, diese Ausgaben genügen noch lange nicht.

Ich hätte gerne eine valide Bedarfsanalyse, ergänzt um eine Bedarfsplanung für die nächsten Jahre. Und daraus abgeleitet hätte ich eine Haushaltsplanung, die diesen Bedarf plus Puffer abdecken kann.

In Aachen findet so etwas Ähnliches „im kleinen Rahmen“ gerade ua. mit der Medienentwicklungsplanung statt, leider in diesem Umfang erst angestoßen durch Fördergelder des Landes (Gute Schule 2020) und nicht durch eigene Initiative (wie denn auch, bei einem klammen Haushalt). Die Schulen erstellen dabei ein Medienkonzept, das den Bedarf an moderner Technik begründet. Und die Stadt finanziert den Bedarf über die Fördergelder.

Eigentlich bräuchten wir eine bundesweite „Bildungsstrategie“, die abseits von zweifelhaften „PISA-Rankings“ oder den doppelbödigen Bertelsmännern dieser Republik einen realen Bedarf (Lerninhalte, Personal, Infrastruktur) ermittelt und diesen über die nächsten Jahre finanziert.

Das wäre eine Herkulesaufgabe angesichts der sehr anspruchsvollen Herausforderungen bei Inklusion (und damit meine ich nicht nur die Menschen mit Förderbedarf), Digitalisierung, Personalbedarf und Modernisierung; und angesichts des absolut desaströsen Status Quo alle diese Bereiche betreffend.

Zwei Jahre alte Statistiken ohne Nutzwert helfen dabei aber genau gar nicht.

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