Schülerboom, oder: Panikmodus „Bildungs-GAU“!

Bertelsmann marodiert mal wieder durch die Lande mit einer Studie, die in 2025 wesentlich höhere Schülerzahlen prognostiziert, als es die amtlichen Statistiken hergeben. Das Problem liegt aber woanders.

Bis 2025 würden im Gegensatz zu den amtlich prognostizierten 7,2 Millionen Schülern rund 8,3 Millionen Schüler zur Schule gehen. Die Infrastruktur wäre dafür nicht ausgelegt, die dafür notwendige Zahl an zusätzlichen Pädagogen läge zwischen 24.000 für Grundschulen und bis 2030 sogar bei 27.000 Pädagogen für die weiterführenden Schulen.

Die gewohnt medienstimulierende „Studie“ stützt sich auf amtliche Zahlen der Kultusministerkonferenz, ergänzt um die Statistik eines Babynahrungsherstellers…

Die öffentliche Diskussion dreht sich wie erwartet in den Alphamedien hauptsächlich darum, dass unser Bildungssystem kollabieren wird, da wir weder Geld noch Personal haben, um jetzt gegenzusteuern. Yepp, stimmt vermutlich.

So sieht es aber aus, wenn man mal etwas weniger schnappatmet und die bertelsmännische Alarmroutine runterköchelt:

Hidden Agenda

Die Bertelsmann-Stiftung tritt als neoliberaler Think-Tank ein für Wettbewerb (auch dort, wo es keinen Wettbewerb gibt) und Privatisierung staatlicher Aufgaben.

Nachdem sie jetzt die Drohkulisse „Bildungs-GAU“ ins Volk gekippt hat, kommt vermutlich in Kürze jemand auf die Idee, dass diese Herkulesaufgabe von den öffentlichen Haushalten alleine ja nicht  zu stemmen ist und man das doch irgendwie durch Investoren aus Industrie und Wirtschaft… wie praktisch, dass Bundestag und Bundesrat vor Kurzem das Grundgesetz zu Gunsten öffentlich-privater Partnerschaften (ÖPP) sturmreif geschossen haben.

Im NRW-Landtag sitzt für die nächsten entscheidenden Jahre übrigens eine wirtschaftsorientierte schwarz-gelbe Regierung. Es würde mich kaum wundern, demnächst einen entsprechenden Antrag in der NRW-Parlamentsdatenbank zu finden. Bildung = Ländersache… #wissenschon.

Statistiken

Die Statistiken zu Geburtenzahlen und Lehramtsstudierenden sind öffentlich einsehbar.

Die Veränderung der Zahl der Lebendgeborenen zum jeweiligen Vorjahr findet sich beim Statistischen Bundesamt (Destatis). Ja: Die Zahlen steigen.

Die Zahlen der Lehramtsstudierenden sind etwas umfangreicher zu recherchieren, aber Destatis hat sie ebenfalls. Hier finden sich die Zahlen für das Wintersemester 2013/2014 (Seiten 193-205).

Die könnte man mal für die vergangenen Jahre rausdröseln und mit den Geburtenzahlen ins Verhältnis setzen. Ist aber Aufwand. Deshalb macht es auch keiner. Panik-Pressemeldungen unreflektiert rauszuhauen ist einfacher.

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Dem Ganzen die Krone auf setzt aber die Randbemerkung, dass die „Studie“ sich auch auf die Geburtenstatistik eines Babynahrungsherstellers bezieht… the fuck?!?

Die folgenden beiden investigativen Fragen hätte ich mindestens von einer kritischen vierten Gewalt erwartet:

  1. Von wem und auf welcher Gesetzesgrundlage bekommt ein Unternehmen diese Geburtenzahlen?
  2. Wieso weichen diese Zahlen offensichtlich von den amtlichen Ergebnissen ab, so dass die amtlichen Statistiken vermeintlich falsch liegen?

Insofern werte ich die explizite Namensnennung des Herstellers zunächst als beabsichtigten Werbeblock, nehme darüber hinaus dankend die Information zur Kenntnis, dass da datenschutztechnisch im Klinikbereich etwas ziemlich im Argen liegt und rege abschließend an, dass man zumindest einmal die Validität der Datenlage des statistischen Bundesamtes überprüfen sollte.

Falls ein investigativer Journalist sich jetzt berufen fühlt: Bitte, gern geschehen.

Und, nein: Ich verlinke diese „Studie“ nicht. Bedient Euch bei der einschlägigen Presse. Gibt ja genügend Artikel darüber, die das gerne machen.

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