Schönschreiben Sechs. Setzen.

Die Handschriften der deutschen Schülerinnen und Schüler sind laut einer Umfrage des Deutschen Lehrerverbandes immer öfter unzulänglich.

Die Umfrage unter 2000 Lehrkräften in ganz Deutschland sollte zeigen, wie es um die handschriftlichen Fähigkeiten der Jugendlichen bestellt ist. Die Ergebnisse scheinen auf den ersten Blick ernüchternd.

Die Hälfte der Jungen (51%) und gut ein Drittel der Mädchen (31%) sind handschriftlich schwach. Und nur 38% der Schülerinnen und Schüler schaffen es, länger als 30 Minuten am Stück ohne Beschwerden (Verkrampfung, Ermüdung etc.) zu schreiben. Weitere Auswertedaten sind der Präsentation zu entnehmen, die der Pressemeldung angehängt ist.

Ich zweifle die Tendenz zur minderen Handschrift nicht an, zumal es seit Jahren bekannt ist, dass sich die Handschrift über alle Altersklassen hinweg seit der flächendeckenden Nutzung von Computertastaturen verschlechtert. Und ich kann nachvollziehen, dass das Erlernen einer leserlichen Handschrift (sie muss nicht einmal ästhetisch sein) dem Gehirn Futter abseits von Faktenwissen geben kann.

Fragwürdige Umfrage

Die Umfrage selber empfinde ich jedoch als sehr fragwürdig. Sie ist übrigens immer noch online (Stand: 13.04.2015).

Kooperationspartner dieser Umfrage ist mit dem „Schreibmotorik Institut“ ein eingetragener Verein, der kommerzielle Beratungsleistungen im Bereich „Schreibenlernen“ anbietet, also Geld damit verdient (Randbemerkung: Als „e. V.“? Mit den Verwerfungen zum BGB können sich gerne andere auseinandersetzen). Fakt ist demgemäß, dass jemand ein Themengebiet für unterentwickelt erklärt, für dessen Aufwertung er praktischerweise gleich das passende, aber kostenpflichtige Werkzeug parat hält. Geschmäckle-Alarm.

Die Antworten der Lehrer sind darüber hinaus zum großen Teil subjektive Meinungen. Die einzige belastbare Aussage ist, ob die Jugendlichen länger als 30 Minuten am Stück ohne Beschwerden schreiben können. Das könnte man messen und bewerten. Alles andere sind Befindlichkeiten, die sich nur tendenziell als „besser“, „schlechter“ oder „gleich geblieben“ ausdrücken lassen. Und welcher Lehrer kann auf 10% genau sagen, welche Jungen und Mädchen welche Probleme mit der Handschrift haben? Immerhin errechnet das Institut daraus keine Zehntel-Prozentzahlen.

Und wenn ich schon bei den Lehrern und Lehrerinnen bin: An der Umfrage beteiligten sich 2000 Pädagogen von Grund- und weiterführenden Schulen. Im Schuljahr 2013/2014 hatten wir in Deutschland fast 665.000 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen. Es nahmen also gerade einmal 0,3% aller Lehrer und Lehrerinnen in Deutschland an der Umfrage teil, die sich darüber hinaus nicht einmal als Pädagogen legitimieren mussten. Repräsentativ geht anders.

Die Aussagekraft dieser Umfrage ist also durchaus mit Vorsicht zu genießen (leider verbreiten selbst „Qualitätsmedien“ sie kritiklos weiter). Alles gut also? Wie man es nimmt.

Unter der Annahme, dass diese „Umfrage“ tatsächlich ein Problem aufzeigt, dürften sich zwei Entwicklungen gegenseitig antreiben.

Digitalisierung

Einerseits die wachsende Digitalisierung. Wer viel am Computer schreibt, dem wird sicher schon aufgefallen sein, dass seine Schrift darunter mit den Jahren gelitten hat. Ich wage die Voraussage, dass vielleicht in 50 Jahren die wenigsten Menschen in den Industriestaaten überhaupt noch schreiben können, nicht einmal mit einer Tastatur. Die hochentwickelte Sprach- und Gestenerkennung könnte uns „das lästige Tippen“ einfach abgenommen haben. Und damit hätte diese geschätzte Kulturtechnik nach 6000 Jahren bis auf vereinzelte Liebhaber ihr Ende gefunden.

Das wäre zwar sehr schade, aber eben auch der Lauf der Dinge. Warum gibt es wohl kaum noch Schriftsetzer oder Kupferstecher? Schreiben lernen um des Schreibens willen ist absurd, wenn man in Zeiten von Siri und Whats-App nicht gleichzeitig dafür die Leidenschaft geweckt bekommt. Die Schrift ist primär dazu da, Informationen über Raum und Zeit zu transportieren und zu konservieren. Das macht sie immer noch. Aber eben digital (die Probleme bei der Konservierung von Daten über Jahrhunderte stehen auf einem anderen Blatt [sic!] 😉 ). Handschrift verkommt deshalb leider immer mehr zur Liebhaberei. Und damit komme ich zur zweiten Entwicklung.

Marktkonforme Bildung

Andererseits lautet die Schlussfolgerung der Lehrkräfte, ihnen fehlen Zeit, Wissen und Unterstützung, um diesem Trend entgegenzuwirken. Mal ehrlich jetzt: Den Pädagogen „fehlen Zeit und Wissen“, den Kindern ordentlich das Schreiben beizubringen? Kommt nur mir das skurril vor? Wenn dem so ist, dann liegt da schon etwas ganz gehörig im Argen, weit bevor die Kinder zum Stift greifen!

Z. B., dass in einer ökonomisierten Bildung nach Bertelsmann und OECD das geschriebene Wort schlicht egal ist. Die zweifelhaften PISA-Tests überprüfen Lese- und mathematische Kompetenz sowie die naturwissenschaftliche Grundbildung. Handschrift oder Motorik sind nicht dabei. Denn der gewissenhafte Angestellte soll später einmal seinen Arbeitsauftrag schnell und umfänglich verstehen und keine Zeit damit verdaddeln, sich leserliche Notizen zu machen. Für eine ordentliche Handschrift gibt es keinen „Return of Investment“.

Oder z. B., dass die Muße zur Handschrift in unserer sprunghaften, mehr auf Wachstum und gefügigen Konsum statt auf Charakterstärke und Ausgeglichenheit ausgerichteten Gesellschaft chancenlos ist. Eine schöne oder zumindest leserliche Handschrift bedeutet Entschleunigung. Und dafür haben wir nun wirklich keine Zeit.

Oder z. B., dass die Kinder im Elternhaus nicht mehr das Interesse für eine ordentliche Handschrift mit auf den Lebensweg bekommen. Warum auch? Wichtiger ist in der Grundschule MINT-Unterricht, damit die Lütten später auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich sind…

Eine Systemkritik als Schlussfolgerung dieser „Umfrage“ bleibt jedoch flächendeckend aus. Schade.

Resümee

Opa erzählt vom Kriech: Ich selbst durfte zu Hause in den 1970er Jahren eine Schönschreiberziehung genießen. Mit dem Ergebnis, dass ich auch heute noch das Abo auf „Die Glückwunschkarte schreibst aber Du!“ habe (obwohl im Laufe der Jahrzehnte an der Computertastatur meine Schrift schon stark gelitten hat…). Und in der Schule probierte ich, mit Bögen und Neigungen eine eigene Schriftcharakteristik zu entwickeln. Machen das die Kiddies heute nicht mehr? Und warum nicht?

Wer als Pädagoge oder Eltern gegen X-Box-Gamepad, Whats-App und PISA-Humbug anstinken möchte, der sollte den Kindern ein interessantes Angebot machen, um sie für eine schöne Handschrift zu begeistern: Zum Kalligraphen gehen (Karolingische Minuskel, wissenschon). Oder regelmäßig Schönschreibwettbewerbe veranstalten (mit dem Hauptgewinn, einen Font daraus zu machen, den die Schule ein Jahr lang auf Aushängen benutzt). Oder auch einfach mal erklären, wie man einen Stift hält. Evtl. kann mir dazu ein Grundschulpädagoge in den Kommentaren berichten, ob im Lehramtsstudium beim „Schreiben lehren“ auch handwerkliche Strategien im Sinne von „den Stift locker und ohne Anspannung führen“ vorkommen…

Solange man jedoch eifrig auf die nächste „Lernstandserhebung“ hinarbeitet und solch markwirtschaftlich nutzlosen Krempel wie Musik, Kunst oder eben eine leserliche Handschrift gerne hintanstellt, kann es ja so schlimm nicht sein mit der schlechten Handschrift.

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