#Orthograffiti, oder: Rechtsschreibung am Limit

Die FDP meinte wohl, ein Video mit Rechtschreibkorrekturen fehlerhafter Nazigraffiti wäre ein nicer Move. Spoiler: Ist es nicht.

Weil die FDP nun ebenfalls meint, „weltbeste Bildung“ könne gegen Rassismus und soziale Verrohung helfen, nehme ich das Stöckchen mal auf. Bildung, mein Thema… wissenschon.

In einem ersten Tweet habe ich es stark verkürzt auf 280 Zeichen zusammengefasst:

Zum Niveaulimbo von #Orthograffiti :

1) Bildung ist kein Wettbewerb. #WeltbesteBildung ist Mumpitz wie #NassestesWasser.

2) Nazi-Parolen zu „korrigieren“ ist wie Prügelstrafe bei Fehlern im Diktat.

3) Um auf Feuergefahr in der Wohnung hinzuweisen, fackelt man nicht das Haus ab

Das Thema ist aber komplexer und lässt sich eben gerade nicht in einem Tweet abhandeln.

„Bildung“ als Allheilmittel?

Ich kenne studierte Menschen, die aktuell die Schlumpfnazis trotz ihrer dumpfen Parolen wählen. Und unter den größten Drecksäcken der Nazis waren weiland auch viele studierte oder zumindest nicht gerade „ungebildete“ Menschen. Da hat dann wohl die „Bildung“ als Korrektiv versagt.

Eine umfassende Bildung kann und soll viel bewirken. Und sicherlich hat sie auch einen gewissen Anteil daran, nicht als Arschloch durchs Leben zu gehen.

Bildung hilft, Geschichte zu verstehen und zu reflektieren. Sie hilft, Zusammenhänge zu erkennen und zu analysieren. Und sie kann das Fundament für ein soziales, aufgeschlossenes und zuversichtliches Wertegefüge sein. Wenn man sie denn lässt…

#WeltbesteBildung

Schon seit Amtsantritt benutzt die schwarz-gelbe NRW-Landesregierung den Claim „Beste Bildung“. Achtet mal darauf: Fast keine Pressemeldung des Ministeriums für Schule und Bildung kommt ohne diesen Claim aus.

Wenn es aber eine „beste Bildung“ gibt, dann muss es auch eine zweitbeste, drittbeste oder eben eine schlechteste Bildung geben. Der Wettkampf liegt den Liberalen im Blut: Alles muss messbar und vergleichbar sein; allerdings nicht, um sich zu verbessern, sondern um besser als die anderen zu sein (aktuelles, sehr skurriles Beispiel: Talentschulen, bei denen die sich bewerbenden Schulen beweisen müssen, dass es ihnen schlechter geht als allen anderen Schulen). Die Referenz bei „Beste Bildung“ kann per Design nicht der eigene Status Quo sein, sondern muss zwingend das Bildungssystem eines Kontrahenten sein.

Das aktuelle peinliche Video der FDP spricht jetzt sogar schon von „weltbester Bildung“… eine Nummer kleiner ging es nicht?

Und diesem Leistungsdogma hat sich gefälligst die „Bildung“ unterzuordnen. Bildung ist, was messbar ist. PISA, zum Beispiel. Oder die Anzahl der Abiturienten pro Jahrgang. Oder Zielvereinbarungen für eine Qualitätsentwicklung der Pädagogik. Feuchte Controller-Träume.

Und weil wir nicht fürs Leben, sondern für die Anstellung lernen: Berufsorientierung spätestens ab Klasse 8… oder zumindest Checklisten, auf denen vermerkt ist, dass Jugendliche mal gesagt haben, was sie denn gerne beruflich machen wollen. Haken dran genügt, denn z.B. eine Evaluation von „Kein Abschluss ohne Anschluss“ findet nicht statt. Einführung eines Schulfaches „Wirtschaft“, damit man „Börse vor Acht“ im Ersten auch versteht. Und damit das Wirtschaftsleistungsprinzip auch wirklich greift, tummeln sich Stiftungen und Konzerne in den Schulen, um auch ja keine Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen, den Wachstums- und Leistungsfetisch in die jungen Köpfe zu pflanzen.

Die Folge: Bist Du nicht erfolgreich, hast Du Dich nur nicht genug angestrengt! Tschaka! Wir sind die Leistungselite mit den guten Noten, alle anderen sind die Schmarotzer. Meine Kinder sind hochintelligent, und Deine Dummbratzen versauen den Klassenschnitt! Und deshalb machen wir wenn möglich unser eigenes Ding mit Privatschulen und Co.

Liberales Wertegefüge vs. offene Gesellschaft

Liebe FDP:

Ihr seid bestimmt nicht alleine dafür verantwortlich, aber Eure schräge Vorstellung von Eigenverantwortlichkeit, Leistung und Erfolg ab Kindesbeinen an halte ich für einen Baustein dafür, dass wir in unserer Gesellschaft einen Mangel an Empathie, Fürsorge und Vertrauen haben. Dafür wachsen Ausgrenzung und Gleichgültigkeit gegenüber den „Verlierern“ Eurer Doktrin.

Sicherlich steckt auch in Eurer Denke ein sinnvoller Kern. Wer nicht weiß, wohin er segeln will, für den ist kein Wind der richtige. Und ich erhebe auch nicht den Anspruch, dass meine fast exakt gegenläufigen Vorstellungen von Bildung und Unterricht der Weisheit letzter Schluss sind. Diese Grenzen gilt es, in einem demokratischen Diskurs abzustecken.

Aber jetzt mal ernsthaft, bitte: Ein Video, in dem Ihr tumbe Naziparolen korrigiert, um im gleichen Atemzug eine bessere Bildung zu fordern, ist selbstreferenzierend dämlich.

Als Marketingstunt für den viralen Klick ist das Video vielleicht brauchbar, aber sicher nicht als Einstieg in eine Diskussion über das Thema Bildung und soziales Klima.

Auf die rechtlichen Verwerfung zu Sachbeschädigung und Zeigen verfassungswidriger Parolen gehe ich mal nicht näher ein. Dafür gibt es Menschen, die wesentlich sachkundiger sind.

Ein Gedanke zu „#Orthograffiti, oder: Rechtsschreibung am Limit

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