Ökonomisierung der Bildung: KAoA

Im letzten Schulausschuss der StädteRegion gab es, ausgelöst durch meine Anmerkungen, eine kurze Diskussion zum NRW-Landesvorhaben „Kein Abschluss ohne Anschluss“.

Ich sehe KAoA sehr kritisch. Und weil ich nicht möchte, dass meine Argumentation in meinem umfänglichen Ausschussbericht untergeht, packe ich den Teil einfach hier in einen eigenen Blogpost.

Landesvorhaben „Kein Abschluss ohne Anschluss (KAoA) – Übergang Schule-Beruf in NRW“; Aktueller Umsetzungsstand in der StädteRegion Aachen (2017) – 2017/0507

Schule ist nicht prinzipell dazu da, Arbeitnehmer zu produzieren. Sie soll aufgeschlossene, verständnisvolle, souveräne, kritische, verantwortungsbewusste, zuversichtliche und mündige Bürger hervorbringen. Das mit dem Arbeitsleben ergibt sich meiner Meinung nach von ganz alleine, wenn der Unterricht Interessen weckt und fördert. Entsprechend halte ich das KAoA-Konzept in weiten Teilen für eine Steuergeldverbrennungsmaschine und eine umfassende und unreflektierte Rekrutierung von Arbeitskräften (kurz: für ausgemachten Humbug).

  • Eintägige standardisierte und von anonymen „Beobachtern“ durchgeführte „Potenzialanalysen“  sollen mit zweifelhaften Managementspielchen in dieser Ausnahmesituation die Stärken und Schwächen von 14-jährigen Menschen aufzeigen; junge Menschen, die darüber hinaus in dem Alter sicher alles andere im Kopf haben als das, was sie den Rest ihres Lebens arbeiten wollen.
  • Eine anschließende systematisierte und in weiten Teilen mit den Wirtschaftsverbänden abgestimmte „Berufsfelderkundung“ soll die solcherwegs verorteten Interessen und Stärken mit den entsprechenden Arbeitgebern zusammenbringen.

Selbst, wenn man auch nur im Ansatz und mit viel gutem Willen das Projekt „Kein Abschluss ohne Anschluss“ gutheißt: KAoA läuft in NRW seit Ende 2011, also seit jetzt sechs Jahren. Seitdem sind sowohl die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen als auch die Zahl der unversorgten Ausbildungsbewerber in NRW stetig gestiegen. Für die StädteRegion Aachen liegen mir keine Zahlen vor. Die Verwaltung meinte zwar, das sähe hier etwas anders aus, aber da bräuchte ich schon etwas belastbare Werte. Zumindest das Jobcenter der StädteRegion Aachen schweigt sich über hiesige Ausbildungsplatzzahlen aus:

Für die aus­ge­wähl­te Re­gi­on ste­hen im <Zeitraum> keine Aus­bil­dungs­stel­len­markt-Da­ten zur Ver­fü­gung.

Falls da jemand™ Zahlen hat, gerne her damit.

Dafür tummelt sich bei KAoA eine wilde Gemengelage an diversen freien Trägern für die „Potenzialanalysen“ im KAoA-Projekt, was natürlich nicht verwundert: Sie bekommen Geld dafür, wenn sie Honorarkräfte einen Tag lang Kinder in einem Assessment-Center beobachten und anhand standardisierter Fragebögen bewerten lassen. Leicht verdientes Geld also.

Im NRW-Landeshaushalt 2018 sind 14 Mio Euro für KAoA vorgesehen. Das Geld wäre sinnvoller in Schulen und Lehrkräfte für die Förderung der Jugendlichen vor Ort investiert.

Zu meiner Frage nach der „Evaluation“ von KAoA: Mehrfach wiesen sowohl Verwaltung als auch die anderen Ausschuss-Mitglieder darauf hin, dass eine Evaluation von KAoA nicht möglich sei. Das wage ich zu bezweifeln: Aus meiner Zeit als ISO9001-Auditor weiß ich, dass man alles evaluieren kann; die Frage ist nur, mit welcher Zielsetzung.

  • Will man sich rechtfertigen: Viel Papierkram hilft viel! Wer schreibt, der bleibt.
  • Will man ein detailliertes Verständnis für seine Prozesse und einen klaren Blick auf das Ergebnis bekommen, findet man aussagekräftige Zahlenquellen.

Für jährliche zweistellige Millionenbeträge kann ich erwarten, dass man nach zwei, drei oder vier Jahren prüft, wieviele Jugendliche entsprechend ihrer „Potenzialanalyse“ eine Ausbildungsstelle oder einen Studienplatz erhalten haben. Oder eben nicht. Aber das passiert nicht. Warum nicht?

Muss ich erwähnen, dass alle anderen KAoA ganz toll finden?

Es war eine Mitteilungsvorlage ohne Abstimmung. In der Übersicht markiere ich sie als abgelehnt. Und das werde ich bei den zukünftigen Vorlagen zu KAoA ebenfalls machen.

Übrigens: In 2015 gab es noch Schulen in NRW, die sich gegen die Vereinnahmung durch KAoA sperrten. Leider ist KAoA mittlerweile verpflichtend, wobei ich mich frage, was mit den Kindern passiert, deren Eltern die Einverständniserklärung nicht unterschreiben und damit der Datenweitergabe widersprechen… *knickknack*

Ein Gedanke zu „Ökonomisierung der Bildung: KAoA

  1. Eine Evaluation durch das Land bei den freien Trägern halte ich für dringend notwendig. Es kann nicht sein, dass es zum einen Träger gibt, die Verträge nicht rechtskonform ausstellen. Beispielsweise wird bei einem Träger vorgeschrieben, man müsse an einer internen ca. 2-3 stündigen Schulung teilnehmen. Im letzten Jahr wurde diese Schulung vergütet. In diesem Jahr nicht.
    Aus diesem Grund habe ich folgende Anfrage gestellt:
    Ist es rein rechtlich haltbar zu einer Schulung während der Arbeitszeit verpflichtet zu werden, diese Arbeitszeit aber nicht bezahlt zu bekommen? Quasi umsonst arbeiten zu müssen, da man sonst für das Projekt nicht zugelassen wird.
    Die Schulung ist in letzten Jahr bezahlt worden. Es ist vor, während und nach der Schulung nicht darauf hingewiesen worden, dass diese nicht bezahlt wird. Im Arbeitsvertrag ist dazu gar nichts aufgeführt.
    Nach einer Nachfrage bei Arbeitsunrecht.de habe ich folgende Antwort erhalten:
    ich kann jetzt kein gesetz zitieren. aber wenn
    1. die schulung zuvor wie arbeitszeit bezahlt wurde,
    2. die schulung wieder während der arbeitszeit stattfand,
    3. eine verpflichtung bestand und
    4. vom arbeitgeber nicht darauf hingewiesen wurde, dass dieses mal a) im unterschied zum letzten mal nicht bezahlt wird und b) mit der schulung die arbeitszeit ausgesetzt wird, dann handelt es sich um eine unwirksame irreführung, unabhängig davon, ob sie fahrlässig oder mit vorsatz vorgenommen wurde.
    Allerdings bezahlt der Träger die Schulung trotzdem nicht.

    Die Planung der Termine beim Träger funktioniert in diesem Jahr gar nicht. Je nachdem wartet man sehr lange auf sein Geld, weil man immer wieder Rechnungen „korrigieren“ muss. Außerdem erfolgte die Aufbewahrungen der Dokumente aus den letzten Jahren nicht sorgsam, sodass viele Dokumente schon wieder eingereicht werden mussten, obwohl diese aus dem letzten Jahr vorlagen. Alles in allem empfinde ich die Koordination als nicht gut.
    Sobald man mit der Arbeit fertig war, aufgeräumt und alles eingetragen hatte, durfte man in diesem Jahr auch nicht früher gehen, obwohl es nichts mehr zu tun gab. In der Regel sind auch die Arbeitszeiten vollkommen überzogen angesetzt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.