Medienkompetenzübung: NetRace

Dieser Tage trommeln Veranstalter und Partner des Schulwettbewerbs „NetRace“ wieder fleißig an Schulen der StädteRegion Aachen. Da ich ja gewissermaßen auch einen Bildungsauftrag habe, hier mal eine kleine Medienkompetenzübung dazu von mir.

Was ist NetRace?

Für den Fall, dass Ihr davon noch nichts gehört habt:

NetRace ist ein Schulwettbewerb, den eine Alsdorfer Medienagentur im Bereich „Medienkompetenz“ organisiert. Unternehmen der Region treten als „Partner“ auf. In Aachen sind das der Zeitungsverlag sowie ein regionaler Telekommunikationsanbieter.

Der rundenbasierte Wettbewerb stellt teilnehmende Schülergruppen vor Rechercheaufgaben, die mit jeder Runde komplexer werden und somit die „Medienkompetenz“ der Jugendlichen steigern sollen.

Am Ende des Wettbewerbs erfolgt eine Siegerehrung der Gruppen mit den besten Ergebnissen, die sich nach der erreichten Punktzahl und der benötigten Zeit für korrekte Lösungen ergeben. Bis zum 10. Platz gibt es abgestufte Preisgelder zwischen 1000 und 250 Euro.

Die Preisverleihung findet meistens medienwirksam und praktischerweise auch mal an Veranstaltungsorten der „Partner“ statt. Medienwirksam auch deswegen, weil bisher immer ein Zeitungsverlag als „Partner“ dabei war, der über das Ereignis (wie vorher auch über den gesamten Wettbewerb) natürlich entsprechend wohlwollend in Text und Bild berichtet.

Wer steckt dahinter?

Da sind zunächst die „Partner“, die beim Wettbewerb prominent in Szene gesetzt sind. Wie erwähnt, sind das in Aachen der Zeitungsverlag und ein regionaler Telekommunikationsanbieter. Im Kieler Wettbewerb stehen z.B. Verlage und Sparkassen als Partner zur Verfügung.

Organisatorisch ist der Wettbewerb bei einer Alsdorfer Medienagentur verortet, die offen damit wirbt, dass sie ihren „derzeit 80 Kunden“ (Medienhäuser, Unternehmen, Institutionen) im Bereich „pädagogisch wertvolles Bildungssponsoring“ einen effizienten Zielgruppenzugang ermöglicht (für Imagegewinn und bessere Kundenbeziehungen bei weniger Streuverlusten).

Welche Aufgaben sind zu lösen?

Es handelt sich um Textaufgaben, die über eine Recherche im Internet zu lösen sind. Im Internet finden sich einige Fragen der vergangenen Jahre. Ein Beispiel aus 2008:

Der Ehemann der amerikanischen Schauspielerin Gwyneth Paltrow war zu Beginn seiner Musikkarriere nicht sonderlich erfolgreich.

Wie heißt seine 1996 gegründete Band? Was legte er, wohl um das Straßenpublikum zu animieren, nach eigenen Angaben beim ersten Auftritt seiner Band im Sommer 1997 in den „Hut“? Seitdem ist natürlich viel Zeit vergangen.

So weit, so unverfänglich. Es kamen aber auch schon Fragen mit folgendem Wortlaut vor:

Neben diversen Sportveranstaltungen und -vereinen unterstützt unser NetRace-Partner <Partner> auch ein jährlich stattfindendes Festival für Freunde klassischer Musik.

Wie heißt das Festival? Welcher britische Songschreiber und Sänger trat am 22. August 2009 in dessen Rahmen auf? Welchen Titel trägt das dritte Studioalbum der Band, in welcher er an der Seite von Rick Davies als Komponist und Sänger aktiv ist?

Und – BÄMM! – einen Partner des Wettbewerbs erneut ins Spiel gebracht, jetzt über einen anderen Kanal und dabei wohlwollend in Szene gesetzt. Die Recherche führt natürlich direkt oder über Umwege auf dessen Webseite. Es genügt natürlich nicht, dass der gesamte Wettbewerb bereits mit den Logos der Partner prominent garniert ist… das würde ich unter „Framing“ verbuchen. Füttert mal die Suchmaschine Eures Vertrauens mit diesem Begriff.

Hidden Agenda

Damit dürfte klar sein, wo der Hase bei diesem Projekt die Bommeln hat: Pfiffiges Product Placement unter dem Label „Medienkompetenzsteigerung“. Noch ein Beispiel gefällig? Eine weitere Frage aus 2008:

Bei dem Tanz, der in Kuba entstand und seit 1931 nach einem Titel von Oreste López benannt wurde, schlängelt man sich auch ein wenig. Er ist aber lange nicht so gefährlich, wie das Tier, dessen Name sich so ähnlich anhört. Wie heißt der Tanz und wie heißt das tanzende „Tier“, das sich in einem viel besuchten Freizeitpark in der Nähe von Bonn Spaß bringend schlängelt, und seit wann kann jedermann dieses Tanzerlebnis dort „erfahren“ (Datum)?“

Wo fand die Siegerehrung statt? In einem viel besuchten Freizeitpark in der Nähe von Bonn… es sollte also ersichtlich sein, dass die Medienagentur über diesen „Wettbewerb“ seinen Partnern und Kunden einen sehr subtilen Zugang zu den zukünftigen Konsumenten bietet.

Die Kundenliste der Medienagentur beinhaltet eine ganze Reihe an lokalen Zeitungsredaktionen. Aktuell liegt die Zielrichtung der Aufgaben daher eher beim Diktum „gut recherchierte, objektive und vertrauenswürdige Berichterstattung“ der Tageszeitung… und ich frage mich, wieviele der Teilnehmer (Jugendliche und Betreuer) den Beitrag der „Anstalt“ vom Mai 2018 zur Pressevielfalt gesehen haben… just saying.

Über die Höhe des Preisgeldes (in Summe 4750 Euro, siehe oben) im Vergleich zu den Kosten einer mehrwöchigen, medial bestens betreuten Werbekampagne kann sich dann jeder mal selber Gedanken machen.

Problem erkannt?

Mit ein bisschen Medienkompetenz erkennt man recht schnell, dass dieses Projekt sich weder an den Beutelsbacher Konsens noch an §99 SchulG NRW (Sponsoring/Werbung an Schulen) hält. Hier „sponsort“ kein Unternehmen den Unterricht oder eine AG, sondern hier platziert eine Agentur in Schulen Werbung ihrer Kunden durch die Hintertür.

Thematisiert das jemand in seinem Unterricht? Leitet jemand die Jugendlichen dazu an, die gestellten Aufgaben und das Setting zu hinterfragen? Nimmt das Projekt Bezug auf aktuelle Lehrpläne und führt Unterrichtsinhalte verschiedener Fächer sinnvoll zusammen? Evaluiert jemand nach einer gewissen Zeit, ob das Projekt zu irgendeiner Verbesserung der Medienkompetenz geführt hat?

Oder gilt es für die Teilnehmer einfach, unkritisch und möglichst schnell das Preisgeld abzugreifen?

Zielführend?

Ja, es liegt sicher viel im Argen mit der Medienkompetenz der Jugendlichen (und auch der Erwachsenen). Sieht man also einmal von der raffinierten Werbestrategie ab: Wäre dieser Wettbewerb geeignet, daran etwas zu ändern?

Medienkompetenz ist mehr, als nur Faktenwissen über Suchmaschinen abzufragen.

Medienkompetenz ist auch das Wissen, dass unterschiedliche Suchmaschinen unterschiedliche Ergebnisse liefern.

Medienkompetenz ermöglicht, die Herkunft von Medien und Nachrichten einzuschätzen und zu überprüfen.

Medienkompetenz ist das Bewusstsein für Urheberrechte und die Kenntnisse über die Verwendung von freien Medien.

Medienkompetenz ist der sorgfältige Umgang mit eigenen und fremden Daten.

Medienkompetenz ist die Fähigkeit, die Ergebnisse multimedial zu präsentieren.

Und Medienkompetenz bedeutet eben auch, dass man erkennt, wenn man mit der Aussicht auf ein Preisgeld und ein Foto in der Tageszeitung zur Teilnahme an einem diskutablen „Wettbewerb“ animiert wird.

Gibt es Alternativen?

Ich halte es generell für sehr bedenklich, wenn sich Unternehmen in die Lücken drängen, die eine schwerfällige Bildungspolitik zu verantworten hat. Das ist nicht nur bei diesem Projekt so, sondern flächendeckend und zieht sich durch alle Bildungsbereiche, die einen Return of Investment versprechen. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem lege ich den Themenschwerpunkt „Lobbyismus an Schulen“ von LobbyControl sehr ans Herz! Als knackiger Einstieg empfiehlt sich auch der entsprechende Artikel auf Lobbypedia.

Gerade digitale Bildung und Medienkompetenz sind aktuell Themen, die unter starkem Beschuss durch „interessierte Unternehmen“ stehen, die aber tatsächlich auch von den Bildungsministerien und angeflanschten Institutionen  relativ gut unterfüttert werden.

Das Medienkompetenzportal NRW hält z.B. umfangreiches Lehrmaterial für Medienkompetenz in der Schule bereit, ebenso die Landesanstalt für Medien NRW (LfM).

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat umfangreiches Material zur Medienpädagogik, vieles davon zum kostenlosen Download.

Das Euregionale Medienzentrum in Aachen unterstützt ebenfalls nach Kräften die Schulen in der Euregio.

Diese Angebote, zusammen mit jahrgangsspezifischen Lehrplänen und fächerübergreifenden Fragen, könnten ein guter Start in eine Medienkompetenz-Bildung sein, die den Namen verdient.

Die Fragen sollten nicht nur schnelle Recherche nach Faktenwissen abfragen, sondern zur Reflexion und Diskussion anregen und zur souveränen Bedienung von medienübergreifenden Werkzeugen anleiten:

  • Sammlung, Strukturierung und Auswertung von Zahlen, Daten, Fakten.
  • Bewertung komplexer, gegensätzlicher und kontroverser Funde.
  • Multimediale Aufbereitung und Präsentation der Ergebnisse.

Möglichst schnell den Namen einer Schlange herauszufinden und die Adresse der Fundstelle als Beweis zu versenden, ist kein Nachweis für Medienkompetenz. Es ist ein Beweis dafür, dass man schnell das machen kann, was von einem erwartet wird.

Die Erziehung zu einem mündigen, souveränen und kritischen Menschen sieht meiner Meinung nach anders aus.

4 Gedanken zu „Medienkompetenzübung: NetRace

  1. Netrace beschäftigt sich gerade schwerpunktmäßig mit der Frage, wie man „fake news“ erkennt. Das ist zum Glück ganz einfach: Wahr ist, was in der Tageszeitung steht und widersprechende Berichte sind dann eben falsch. Wer Bedenken hat, soll mehrere Zeitungen vergleichen. Da alle etablierten Medien im Normalfall dieselbe dpa-Meldung sogar im selben Wortlaut bringen, kann der medienkompetente Schüler sicher sein, dass es sich dabei um die Wahrheit handeln muss. Warum sollte Demokratie kompliziert sein, wenn es auch einfach geht?

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