Kommentiert: Schulfach „Wirtschaft“

Pressemeldung des „NRW-Ministeriums für Schulen und Bildung“, 18.09.2017:

Ministerin Gebauer: Wir setzen auf ökonomisches Wissen und stärken die berufliche Bildung

Das Ministerium für Schule und Bildung Nordrhein-Westfalen teilt mit:

Schulministerin Yvonne Gebauer hat vor der Vollversammlung der IHK Dortmund die Bedeutung ökonomischer Bildung an Schulen hervorgehoben. Ministerin Gebauer erklärte: „Ökonomische Bildung ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Allgemeinbildung. Wir wollen die Schülerinnen und Schüler auf eine selbstbestimmte Lebensgestaltung und einen erfolgreichen Berufseinstieg vorbereiten. Daher werden wir an weiterführenden Schulen das Schulfach Wirtschaft etablieren und die systematische Berufsorientierung weiterentwickeln.“

Ministerin Gebauer betonte außerdem, dass die Landesregierung sich für eine Stärkung der beruflichen Bildung einsetzt. „Master und Meister sind beide wertvoll, denn sie sind gleichwertig. Die berufliche Bildung ist eine unverzichtbare Säule unseres Bildungssystems. Deshalb wollen wir die Berufskollegs in ihrer wichtigen Aufgabe besser unterstützen und die von der Vorgängerregierung beschlossenen Stellenkürzungen zurücknehmen“, so Ministerin Gebauer.

Mein Kommentar dazu:

„Ökonomische Bildung“ sollte primär dazu dienen, sich ein Bild von den wirtschaftlichen Zusammenhängen in der jugendlichen Erlebenswelt machen zu können: Wie funktionieren Geld und Steuern, Arbeit und Marktwirtschaft, Wachstum und Schulden? Flankiert z.B. von einem Ethikunterricht könnte man hinterfragen, warum Konzerne durch billige Kinderarbeit in Asien hergestellte Produkte bei uns in Europa teuer verkaufen und hier trotzdem kaum Steuern zahlen; oder wer bei einem Kilo Hackfleisch für 2 Euro vom Discounter die Arschkarte zieht (und warum Menschen in einem der reichsten Länder der Welt so einen Abfall überhaupt kaufen).

Dann ergäbe sich für die spätere Berufswahl ganz automatisch ein Wertegefüge, dem sich die Firmen nicht verwehren können. Die ganzen vollmundigen CSR- und Greenwashing-Kampagnen müssten sich vor den kritischen Augen der Jugendlichen bewähren. Eine in diesem Sinne kritische und nonkonformistische ökonomische Bildung würde ich unterstützen, wenn klar ist, zu Lasten welcher Fächer das noch in den strammen Lehrplan gepumpt würde. Denn auch das gilt es, in den kommenden Monaten zu beobachten: Was wird Frau Gebauer aus dem Lehrplan streichen, um Platz für „Wirtschaft“ zu schaffen? Und wer soll es unterrichten? Menschen aus der Praxis? „Meine Name ist Herr Kaiser, und ich möchte Euch heute etwas über die private Rentenversicherung erzählen.“ Danke, passt schon.

Schule ist weder dazu da, devote Arbeitnehmer oder willige Konsumenten noch Alphatiere für die Wirtschaft heranzuziehen. Das Rüstzeug muss stimmen, egal, ob der junge Erwachsene anschließend einen Arbeits- oder Mietvertrag abschließt, für eine bessere Umwelt oder gegen Populisten auf die Straße geht oder ein freiwilliges Jahr lang als Bufdi in Afrika, an der Bettpfanne oder im Nationalpark Eifel seinen Dienst schiebt.

Aus Sicht von Frau Gebauer soll man sich jedoch durch die „ökonomische Bildung“ neben der „selbstbestimmten Lebensgestaltung“ (was übrigens auch eine wenig einträgliche „Karriere“ als Straßenmusiker einschließt) eher in bestehende Arbeitsmarktstrukturen einfügen lassen, statt sie zu reformieren. Denn als Rebell dürfte ein „erfolgreicher Berufseinstieg“ wohl kaum möglich sein.

Oder ist es tatsächlich gewünscht, dass die jungen Menschen im Unterricht auch das mittelalterliche Kammersystem mit seinen verkrusteten Strukturen und Seilschaften hinterfragen? Denn genau das wäre u.a. die Folge einer echten „ökonomischen Bildung“ und ganz sicher nicht im Sinne der Damen und Herren, vor denen Frau Gebauer ihre Rede gehalten hat.

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