Integration in Aachen

Bei der Recherche nach Integrationsangeboten stellte sich mir die Frage, wen wir in Aachen mit welchen Angeboten überhaupt wohinein integrieren möchten. Das Ergebnis und meine Vorstellungen waren dann aber doch nur ansatzweise deckungsgleich.

Zielgruppe

Integration sollte doch eigentlich mehr sein, als nur Menschen mit Migrationshintergrund in die Gemeinschaft aufzunehmen. Prinzipiell sollten wir, die einheimischen Normalos, jeden in unsere Gemeinschaft aufnehmen, der (aus welchen Gründen auch immer) einer Minderheit angehört, sozial, finanziell oder gesundheitlich benachteiligt ist oder eben aus einem anderen Land oder Kulturkreis stammt, wie Bürger, Verwaltung und Politik den Begriff Integration mehrheitlich auslegen.

All das gilt also unabhängig vom Herkunftsland. Neu-Aachener aus allen Teilen der Welt (also auch Rest-Deutschland) sollten wir ebenso in die Aachener Gesellschaft zu integrieren versuchen wie sozial schwache oder gesundheitlich angeschlagene Menschen. Ok, trotz einiger sprachlicher Barrieren müssen wir einem Sachsen oder Schwaben nicht unbedingt einen Sprachkurs anbieten, aber diesen beiden wie auch jemandem aus Afghanistan, Ghana oder der Türkei sowie behinderten oder armen Menschen können wir Angebote zur gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Teilhabe vorschlagen.

Integration? Assimilation? Separation?

Wer sich wundert, warum in Aachen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit fröhliche Urständ feiern, der möge sich im ersten Schritt einmal die Webseite der Stadt anschauen:

Hier findet sich an prominenter Stelle ein Link zum umfassenden Integrationsangebot: Beratung, Sprachkurse, Vereine und Organisation stehen dort gesammelt in Aachen.de-typischer Unübersichtlichkeit. Im Fachbereich Soziales und Integration existiert zudem der Integrationsrat als Interessenvertretung für Migranten, um aktiv die Integrationspolitik der Stadt mitzugestalten.

Die alleinerziehende Mutter, der Langzeitarbeitslose, die Eltern pflegebedürftiger Kinder müssen sich erst mühsam ihre Informationen zusammensuchen. Ein vergleichbares Gremium, das wortstark für die Interessen der sozial Schwachen eintritt, sucht man vergebens. Der Eindruck, der entstehen kann: Meine Stadt unternimmt mehr für Zuwanderer als für mich.

Das entschuldigt natürlich keine Fremdenfeindlichkeit, zumal dieses krude Gedankengut schon lange nicht mehr nur in bildungsfernen Schichten, sondern bereits im mittelständigen Bildungsbürgertum Einzug gehalten hat; also in Bevölkerungsschichten, die gemeinhin als aufgeklärt gelten und weniger vom Futterneid getrieben sein sollten (vermutlich eine fatale Synthese von Neo-Biedermeier und sozialdarwinistischen Statusphantasien à la Sarrazin). Aber eine Ursache (von sicherlich vielen) für Fremdenfeindlichkeit liegt hier vor unserer Nase.

Darüberhinaus bedeutet Integration – auch durch ihren Sonderstatus unterfüttert – meiner Meinung nach, dass die bestehende Gesellschaft die Gruppe eher komplett umschließt, als sich von ihr durchdringen zu lassen. Hier wird also entweder doch wieder separiert, oder aber (wie es seinerzeit bei der leidigen Leitkultur-Debatte der Fall war), die Gruppe wird assimiliert, bekommt also eher die hiesige Kultur übergestülpt.

Lösungsansatz: Inklusion statt Integration

Es ist nicht damit getan, Sprachkurse anzubieten oder Preise für gelungene Migrantenintegration in Sportvereinen auszuloben. Solange man sich bei Integration nur auf die Einbeziehung ausländischer Menschen konzentriert, findet genau diese Integration eben nicht statt: „Du bist Ausländer, und wir kümmern uns um dich!“

Interessanterweise gehen wir derzeit im Bildungsbereich mit der Inklusion schon einen Schritt weiter: Alle Kinder sollen unabhängig von Einschränkungen oder Fähigkeiten gemeinsam lernen und wertschätzend miteinander umgehen, so dass letztendlich alle an ihren Erfahrungen damit wachsen können. Ich stelle mir vor, dass daraus eine offene, fürsorgliche und verständnisvolle Gesellschaft erwachsen kann.

Auf dem diesjährigen Bundesparteitag der Piratenpartei fand ein entsprechender Programmantrag PA048 – Grundsatzprogramm Inklusion (Grundsatzprogramm) erfreulicherweise eine Mehrheit, um Inklusion statt Integration ins Parteiprogramm der Piraten aufzunehmen (leider zog man diesen Antrag wieder zurück, weil einige politisch Überkorrekte nicht den Unterschied zwischen national im Sinne von einheimisch und nationalistisch im Sinne von übersteigert heimatliebend machen wollten… der Antrag hat aber gute Chancen, es in geschliffener Formulierung ins Grundsatzprogramm zu schaffen).

Ich schlage vor, das Inklusions-Konzept auch auf die Teilhabe aller Menschen an der Aachener Gesellschaft anzuwenden. Wir benötigen also eher ein Inklusionsbüro, das sich um jeden Zugereisten, jeden Benachteiligten und jedes Mitglied einer Minderheit kümmert, statt Migranten, Behinderte und Arme jeweils als unabhängige Randgruppe zu behandeln oder sogar gegeneinander abzugrenzen.

Ein Gedanke zu „Integration in Aachen

  1. Vollkommen richtig erkannt: Aggressiver Rassismus und Fremdenfeindlichkeit entstehen vor allem in vernachlässigten Bevölkerungsgruppen. Erst wenn man es schafft _allen_ hier lebenden Menschen eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, wird der Nährboden für Rassismus ausgetrocknet. So ist der Mensch nun mal; „Meinem Nächsten gönne ich nicht mehr als mir selbst, es sei denn er gehört zu meinem direktem Umfeld.“.
    Inklusion statt Integration. Sicherlich ein guter Weg dorthin.

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