Inklusion weiter denken

An anderer Stelle habe ich bereits darauf hingewiesen, dass ich den Begriff „Inklusion“ sehr viel weiter fasse, als es die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 vorsieht.

Im Artikel 1 des „Übereinkommens der Vereinten Nationen […] über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ steht zu lesen:

Artikel 1
Zweck dieses Übereinkommens ist es, den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern.

Und jedes Mal, wenn das Thema „Inklusion“ in den Medien, in der Diskussion oder in meiner politischen Arbeit auftaucht, reduzieren sich die Inhalte auf genau das: Die Gleichberechtigung von Menschen mit körperlichen, seelischen und geistigen Einschränkungen. Ersetzt man aber bereits im ersten Absatz des Artikels 1 Behinderungen durch Benachteiligungen, eröffnen sich einem völlig neue Perspektiven.

Rampen für Rollis

Mir geht die Diskussion um Inklusion (gerade in der Bildung) nicht weit genug, denn sie endet meistens bei Rampen für Rollis, Nachteilsausgleich und pädagogischer Doppelbesetzung im Unterricht.

In meinen Augen bedeutet „Inklusion“ aber mehr, als ein fehlendes Bein, eine Lernschwäche oder eine Zwangshandlung aufzufangen. Es bedeutet auch, adipöse Kinder in den Sportunterricht, bedürftige Kinder auf Klassenfahrten und Migranten bei Schülerzeitungen einzubinden.

Inklusion bedeutet ein Umdenken in der Vermittlung von Inhalten und in der Bewertung von Leistungen. Und ich habe die Hoffnung, dass Inklusion auf diese Weise der aktuellen Verwirtschaftlichung der Bildung entgegenwirkt.

Ökonomisierung der Bildung

Das aktuelle neoliberale Dogma in der Bildungslandschaft lautet: Nicht für die Schule, sondern für die Wirtschaft lernen wir. Und ringsum prügeln diverse Stiftungen und Lobbyverbände den Irrglauben in die politischen Gremien, die Schule müsse Arbeitnehmer produzieren (Demografischer Wandel, Fachkräftemangel… wissenschon). Entsprechend liegt der Fokus der Bildung nicht auf Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten im Humboldtschen Sinne, sondern auf der wirtschaftlichen Verwertbarkeit des Wissens, dem Return-of-Investment.

Das hat u.a. mehrere fatale Entwicklungen zur Folge:

  • Wirtschaftlich unrentable Fächer oder Bildungsinhalte werden entbehrlich (z.B. Sport, Musik, Kunst, Schreibschrift).
  • Ziel ist nicht die Vermittlung von Bildung, sondern das Erreichen von Bezugswerten (Benchmarks). Und wenn man die Anforderungen nur niedrig genug ansetzt, dann erreicht oder übertrifft man jeden Vergleichswert. So funktioniert übrigens PISA und so ist zu erklären, dass Unternehmen und Universitäten mit den jugendlichen Schulabgänger nur wenig anfangen können.
  • Die völlig überverwaltete Qualitätsentwicklung im Bildungswesen stellt eine Verwirtschaftlichung der Bildungsprozesse dar, die jedoch hauptsächlich sinnvolle Arbeitszeit am Kind und Motivation der Pädagogen kostet. Man kann Qualitätsmanagement auch mit wenig Aufwand und mehr Motivation betreiben. Dann wären aber viele Erbsenzähler in den Behörden und beauftragten Beratungsfirmen überflüssig.
  • Viele Kinder und Jugendliche bleiben auf der Strecke, weil sie dem Leistungsdruck in der Schule nicht standhalten. Die Nachhilfe-Industrie wächst und gedeiht derweil…

Ich denke, dass (schulische) Inklusion genau dagegen helfen kann.

Individuelle Messung und Bewertung

Natürlich gibt es in jeder Klasse Überflieger, denen das Wissen nur so zuzufliegen scheint (und auch das ist – nebenbei bemerkt – Inklusion: Einbeziehung hochbegabter Kinder).

Und genauso gibt es Kinder, die einfach nichts auf die Kette bekommen, weil sie ein eigenes Lerntempo haben, hormonell bedingt gerade eh alles scheiße finden oder schlicht aus einem „ungünstigen“ Elternhaus kommen.

Statt aber nun die Gauß’sche Normalverteilung über die gesamte Klassenbenotung zu stülpen und die leistungsschwachen Schüler mit den Überfliegern zu vergleichen (und dann ggf. bei zu schlechtem Klassendurchschnitt die Anforderungen zu „harmonisieren“): Wäre es da nicht sinnvoller, die Leistung individuell zu messen und zu bewerten?

Um mal beim Sport zu bleiben: Wenn ein dickes Kind zu Beginn des Schuljahres die 100 m in 30 Sekunden läuft und sich auf das Ziel „20 Sekunden am Ende des Schuljahres“ einlässt, dann kann man diese 10 Sekunden Verbesserung individuell bewerten. Stattdessen bekommen diese Kinder spätestens bei den Bundesjugendspielen vorgeführt, dass sie zum Erreichen der absoluten, willkürlich festgelegten Punktwerte zu dick, zu unsportlich oder zu ungelenk sind. Was für eine Motivation…

Diese Art der individuellen Messung und Bewertung ließe sich sicherlich für viele andere Unterrichtsinhalte ebenso durchführen. Das wäre natürlich ein nicht unwesentlicher Aufwand im Schulbetrieb. Im Rahmen der Inklusionsbemühungen definiert man aber eh schon Prozesse um und neu. Dazu gehört dann eben auch die Intensivierung des individuellen Lernens und damit zwangsläufig andere Prozesse und Bedingungen zur Bewertung der Individualität.

Ja, ich weiß: Das geht alles so nicht in den MINT-Fächern, die sind mit Sport gar nicht vergleichbar, mit Singen und Klatschen wird man nicht Abteilungsleiter… am Arsch die Räuber!

Wer will, der findet Wege. Wer nicht will, der findet Gründe.

In Kürze gehen die neuen PISA-Ergebnisse an den Start und es wird entweder großes Wehklagen wegen der immer noch schlechten Ergebnisse geben oder großen Jubel, dass man das Treppchen im Vergleich zu „den anderen“ etwas höhergestiegen ist. Bildung ist aber kein Wettrennen!

Inklusion nicht nur für Arm ab, sondern auch für arm dran!

Durch eine gelungene Umsetzung der Inklusion bekämen die individuellen Interessen und Fähigkeiten aller Kinder einen neuen Stellenwert und damit eine neue Wertschätzung, die den Menschen und seine Persönlichkeit und Motivation in den Mittelpunkt stellt, nicht seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Das kann für eine Gesellschaft nur von Nutzen sein.

In Deutschland leben Menschen, die auch arbeiten. Das sind keine Arbeitnehmer, die auch in Deutschland leben. Der Unterschied ist fein, aber wichtig, und er mag vielen Leuten nicht so klar sein.

Wagen wir aber dennoch mal einen Blick in die Arbeitswelt, dann wird es dort mittel- bis langfristig so aussehen:

Digitalisierung und Spezialisierung in Wirtschaft und Industrie werden kaum noch Jobs für un- oder wenigqualifizierte Menschen bieten. Wenn wir nicht die Interessen, Fähigkeiten und Chancen jedes einzelnen jungen Menschen erkennen und fördern, werden uns der Reihe nach die Menschen mit Behinderung (a.k.a. „Förderschüler“), die Migranten und dann die Menschen mit keinem oder niedrigem Schulabschluss (erst alle ohne Abschluss, dann alle mit Hauptschule, dann viele mit Realschule) aus dem System fallen.

Dass wir das mit unserem derzeitigen, neoliberal verleistungsprinzipten Bildungssystem abwenden können, wage ich stark zu bezweifeln. Eine Inklusion in dem Sinne, wie ich es oben beschrieben habe, halte ich hingegen für eine gangbare Lösung.

Geld, Zeit und  Energie für PISA und ähnlichen Murks sollten wir also lieber in die sinnstiftende und zukunftsfähige Weiterentwicklung der Inklusion in Deutschland stecken.

Ein Gedanke zu „Inklusion weiter denken

  1. Hallo Michael,
    wie immer gut analysiert und formuliert.
    Aber der beschriebene „feine Unterschied“ muss erst in den Köpfen ankommen – das sehe ich aktuell nicht. Noch sind die links und rechts neben die Leistungsgesellschaft Fallenden in der Minderzahl, ziehen sich resigniert zurück und sind leise. Bei Lesch war gestern im Fernsehen ein Beitrag, wonach viele Konzernlenker gleiche Charakterzüge zeigen wie Soziopathen. Da Verständnis zu finden ist also unmöglich – und die haben eher die Ohren der Politikverantwortlichen.
    Ich denke (und befürchte), dass es eher auf eine zweigeteilte Gesellschaft rausläuft: die einen hecheln Zielen und Vergleichen hinterher – und hoffentlich entwickelt sich eine parallele Gesellschaft, die die Werte und Errungenschaften jedes einzelnen sieht.

    Schönen Gruß,
    Udo

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