23.04.2017: UNESCO-Welttag des Buches

Zur Feier des UNESCO-Welttags des Buches am 23.04.2017 werden der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Stiftung Lesen, die Deutsche Post, das ZDF, die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen und der cbj-Verlag wieder mal eine Buch-Gutschein-Aktion für Schulen durchführen: Ich schenk Dir eine Geschichte.

Diese Aktion ist eine willkommene Gelegenheit für ein Stück Medienkompetenz-Training.

Das Prozedere läuft wie folgt ab:

  • Lehrkräfte, die kostenlos eines oder einen Klassensatz des 2017er-Aktionsbuches bestellen möchten, melden sich bis Ende Januar 2017 beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels.
  • Der versendet anschließend die gewünschte Anzahl an Gutscheinen.
  • Mit diesen Gutscheinen gehen die Lehrkräfte dann zum örtlichen Buchhandel und holen sich dort die gewünschte Anzahl Bücher ab.
  • Edit: Geänderte Teilnahmebedingung seit Ende letzten Jahres… nicht die Lehrer holen die Bücher ab, sondern die Kinder müssen selber vor Ort ihr Buch abholen. Damit bekommt diese Aktion gleich noch eine ganz andere „Qualität“.
  • Der jeweilige Buchhändler bezahlt die Bücher aus eigener Tasche.
  • Die Schulen werden im Rahmen dieser Gutschein-Aktion in umfangreiche PR-Maßnahmen eingebunden. Edit: …und die Kinder direkt in den Geschäften.

Kann man so machen. Hat allerdings Geschmäckle.

  • Der cbj-Buchverlag, der das Buch herausbringt, erzielt mit dieser Aktion einen anstrengungslosen und risikoarmen Umsatz.
  • Das Aktionsbuch ist jedes Jahr vorgegeben. Von den Bildungsverantwortlichen hat niemand Einfluss auf den Inhalt. Und es ist nirgendwo ersichtlich, ob das Buch pädagogisch lektoriert ist.
  • Die Steigerung der Lesekompetenz mag ein hehres Ziel sein. Das ist dann aber mauschelig verpackt in eine umfangreiche Marketingkampagne für Buchhändler, Verlage, die Deutsche Post, den Börsenverein des Deutschen Buchhandels sowie die Stiftung Lesen (eine wilde Gemengelage aus Unternehmen und Verbänden mit teilweise nur mittelbarem Bezug zur Bildungspolitik, wenn überhaupt).

Ja, es ist wichtig, lesen zu können; dabei haben Arbeitsanweisungen, Nachrichten und Bellestristik gleichermaßen ihre Bedeutung. Und sicherlich sind solche Aktionen wie der „Welttag des Buches“ eine Möglichkeit, junge Menschen an das geschriebene Wort heranzuführen. Aber wie es halt aktuell so ist: Warum einfach nur mit guten Projekten die Lesekompetenz fördern, wenn man damit nicht auch gleich den Umsatz und seine Reputation steigern kann? Denk doch mal einer an die Kinder!!11!!1

Hier ein paar alternative Angebote zum „Welttag des Buches“, die den Handlungssahmen offen lassen (sich also nicht auf ein „vorgekautes“ Werk festlegen), die Pädagogen und Jugendlichen aktiv in den Auswahl- und Umsetzungsprozess einbeziehen und nicht mit Marketingmaßnahmen zuballern:

  • Das Projekt Gutenberg veröffentlicht frei zugängliche, urheberrechtsfreie Werke auch berühmter Autoren. Insgesamt sind das mit Stand 2016 über 8000 Werke aller Genres von über 1700 Autoren. Alle Gutenberg-DE Texte können zeitlich unbegrenzt für private Zwecke und beliebige Lesegeräte genutzt und vervielfältigt werden. Für die schulische Nutzung wäre evtl. eine Nachfrage notwendig. Das Projekt Gutenberg lädt auch zum Mitmachen ein.
  • Das ZUM-Wiki hat eine eigene Seite zum Thema „Buch“ eingestellt. Dort finden sich Ideen, Tipps und ebenfalls ein Aufruf zum Mitmachen (Wiki-Prinzip… wissenschon).
  • Der Bildungsserver Berlin-Brandenburg hat recht umfangreich zusammengestellt, was es braucht, um die Lesekompetenz systematisch zu entwickeln: Lesecurriculum .

Falls jemand weitere unabhängige Projekte kennt, gerne her damit.

Lesen macht Spaß. Gönnt Euch den!

Und „sharing is caring“: Teilt Eure Projekte! Wissen vermehrt sich, wenn man es teilt.

Nachtrag: Wer sich durch eine wunderbare, phantasievolle und kurzweilige Liebeserklärung ans Lesen schmökern möchte, dem empfehle ich „Die Stadt der träumenden Bücher“ von Walter Moers (ja, der mit dem kleinen Arschloch). Fragt den Buchhändler Eures Vertrauens. Er wird das bestätigen.

Nein, ich bekomme keine Provision. Nein, es ist kein offenes Werk zum freien Download. Aber wenn man schon Geld für ein gutes Buch zum Thema „Lesen“ ausgeben möchte: Das ist eines! Betrachtet es als Leseempfehlung ohne verstecktes Marketinggedöns.

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